Jouissance – »Never enjoyment!«

 

Braunstein, Nestor A.: Jouissance. A Lacanian Concept,
Albany 2020, State University of New York Press,

rezensiert von Ulrich Hermanns,

in: RISS – Zeitschrift für Psychoanalyse (2022)[1]

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Realisten verstehen unter Genießen vermutlich etwas Flüchtiges, einen angenehmen Zustand, der die Nähe zum Objekt spürbar macht, es jedoch zugleich auf Abstand hält. Möglicherweise mit einer Spur Transzendenz. Eine Identität des Subjekts wird gerade einmal so weit in Frage gestellt, dass sie mit eigenen Bordmitteln und dem sublim anverwandelten Objekt spielerisch wieder hergestellt werden kann. Ästhetische Erziehung des Selbst.

         Der 1941 in Argentinien geborene Nestor A. Braunstein ist Arzt, Psychoanalytiker, Professor und Autor. 1974 emigrierte er nach Mexiko. 1990 publizierte er das Buch Goce in Spanisch, eine der ersten systematischen Auseinandersetzungen mit Jacques Lacans Konzept der Jouissance. Mittlerweile lebt der Autor in Madrid. Die Liste seiner Veröffentlichungen ist lang, sowohl Bücher als auch Aufsätze, vorwiegend in Spanisch und Portugiesisch. Vieles ist ins Englische und Französische übersetzt worden, Texte auf Deutsch jedoch fehlen.

         Dem Buch Goce erfuhr ein außergewöhnliches Schicksal. 1994 erschien eine französische Übersetzung. Sie wurde 2005 überarbeitet und erweitert. 2006 wurde sie, wiederum revidiert, ins Spanische zurück übersetzt: El Goce: Un concepto lacaniano. Eine portugiesische Fassung kam 2007. Erst 2021 hat Silvia Rosman, die als Professorin an der University of Illinois und Chicago lehrt, das Werk einfühlsam ins Englisch übersetzt: Jouissance. A Lacanian Concept. Dieses Buch möchte ich vorstellen, weil es einige aufschlussreiche, zuvor nicht so prägnant formulierte Feststellungen enthält.

         Der Untertitel lautet: A Lacanian Concept, dies ist das eigentliche Bezugsfeld. Dabei gilt dem Autor zufolge: »Goce in Spanish, der Genuss in German, la jouissance in French. Never enjoyment.« (S. 14) Die Gründe für die Absage an enjoyment sind vielfältig. Nicht zuletzt auf Lacans Vorbehalt gründend: » Lalangue, je crois que c'est lalangue anglaise qui fait obstacle. [...] Je ne suis pas le premier à avoir constaté cette résistance de lalangue anglaise à l'inconscient.« (R.S.I., Sem XXII, 11. 2. 1975) Widerstand der englischen Sprache gegen das Unbewusste – für den in diesem Feld Arbeitenden nicht pauschal, doch immer wiederkehrend erfahrbar. Nicht ohne Grund brauchte es lange, bis Braunsteins Text mit Silvia Rosmans Hilfe die Hindernisse überqueren konnte.

         Die Wurzeln des lacanschen Konzepts von Jouissance macht Braunstein in der Sitzung vom 5. März 1958 in dessen Seminar V, Les formations de l'inconscient, aus. Hier kommt es zur Polarität von le désir und la jouissance, mit der der Herausgeber Jacques-Alain Miller die Sitzung überschrieb. Das engere Bezugsfeld ist hier noch schwach ausgeführt. Was sich im Verlauf der Jahre drastisch änderte. Braunstein interessiert vor allem das Konzept, weniger die historischen Linien. Dabei votiert er für einen drastischen Perspektivwechsel in der psychoanalytischen Arbeit: »Psychoanalytic technique is misguided if it does not take jouissance, rather than pleasure, as the point of departure in the approach to each case.« (S. 41)

         Der Aufriss des Werks teilt sich in zwei große Abschnitte: I. Theory und II. The Clinic. Beide sind in je vier Kapitel von etwa gleichem Umfang gegliedert. Sie ergänzen sich in ihren Aussagen.

         Der erste Teil wird vor allem durch ausgiebige Bezüge auf Lacan und Freud gestützt, ergänzt durch Literaturbezüge zu Prousts À la recherche du temps perdu. (Kafkas Brief an den Vater wird im zweiten Teil Thema.) Als Bindeglied zwischen Freud, Proust und Lacan erscheint folgender Zusammenhang: »Freud’s and Proust’s searches are one and the same. Lacan’s as well. Jouissance lies in wait of ›fortuitous‹ encounters, ›as if by chance‹.« (S. 167) Ganz so ›zufällige‹ Geschehnisse sind es dann doch nicht, welche Proust die Zeit nicht haben wiederfinden lassen. Nicht weil er sie gar nicht verlor, sondern er stattdessen Jouissance als die Aufhebung von Zeit entdeckte. Damit verbunden, wird auch der Tod bedeutungslos. »Proust does not recover Time at the end of his long itinerary because it is not Time he has lost. [...] Instead, Proust finds jouissance, the annulment of Time, synchrony, the closure of the psychic apparatus’ progressive movement.« (S. 163) Braunstein akzentuiert dabei eine ganz besondere Position zur Analyse: »À la recherche du temps perdu is the chronicle of an analysis without an analyst, outside transference.« (S. 163) Eine Analyse ohne Analytiker und Übertragung – Braunstein bejaht diese Möglichkeit ausdrücklich.

         Ein ausgiebiger Exkurs zu Michel Foucault in Kapitel 3 unterstreicht vor allem die Rolle der lacanschen Position in aktueller Hinsicht: »Queer theory is threatened by its own success.« (S. 132) »There is no normal or natural relation between the sexes. Their jouissance is not complementary.« (S. 139) »We must understand that queer theory is Lacanian or it is not.« (S. 143) – eine Lanze für Lacan.

         Einige prägnante Formulierungen aus dem Teil Theory sollen Braunsteins bemerkenswerte Positionen markieren. »The true substance of the death drive is on the side of jouissance, suffering, exploit, the act.« (S. 46) Dabei stellt sich todestriebliches Leiden, wie in Teil II ausgeführt, als weitgehend unhintergehbar dar. Sogar ein Körper, der pausenloses Leiden durch Spannungen erträgt, kann Jouissance erfahren, welche die Grenzen spürbar macht, die ihr durch die Lust auferlegt sind. Dies sei auch das Ziel der Analyse, nicht aber ein Lustprinzip oder Wohlergehen. (S. 240) Jouissance ist also geschieden von Lust und deren Rolle im Lustprinzip. (S. 85) »Desire does not know itself in the imaginary formation of the phantasm that stages the aspirations to jouissance and, consequently, is another barrier to jouissance.« (S. 86) Begehren sei eine weitere Grenze zum Genießen, wobei die andere die Lust ist – wir erinnern: »never enjoyment« (S. 14). Dagegen gewährt die Sprache Zugang zur Jouissance. »Language is not a barrier to jouissance. On the contrary, it is a device (appareil) for jouissance; it presents and represents this jouissance whose absence would render the universe vain.« (S. 90) Das Subjekt des Genießens wäre in lacanscher Notation ein offenes S, ohne Barre. Eine unaussprechliche Existenz, wobei Lacan selbst eine primäre Jouissance als Ding figuriert. (S. 95)

         In Braunsteins Konzept gibt es konsequenterweise auch ein Genießen des Anderen. Es spielt vor allem im klinischen Teil eine Rolle. Doch schon im Teil Theory werden Bilder evoziert, welche die Funktionsweise vor Augen führt:

 

The subject fades before the jouissance of the Other that appears in multiple ways: as the open jaws of the voracious monster in the nightmare; a devastating or inscrutable destiny; the uncanny noise of a scream that envelops us (the scream of nature that resounds in Munch’s painting, the scream not heard by the characters who turn their backs to the mouth uttering the cry and go on their way); the semblant of jouissance that in the imaginary the neurotic attributes to the black widow and the praying mantis, that ineffable feminine jouissance that is »beyond the phallus« and beyond meaning. The unforgettable jouissance of the Other condemns the sexual relation to nonexistence. (S. 98)

 

Solch eindringliche Passagen zeigen die Dichte der Konzeption Nestor Braunsteins. Dabei ist es vor allem seine Handschrift, welche das lacansche Konzept sichtbar macht.

         Mit der »ineffabile feminine jouissance« wird es Zeit, die Synthesis von insgesamt drei relevanten Zweigen der Jouissance zu skizzieren. Braunsteins Tableau umfasst: erstens die Jouissance des Daseins (nämlich als Ding und mystisch codiert), zweitens die phallische Jouissance (des Signifikanten, der langagière), drittens die erwähnte Jouissance des Anderen (weiblich, unaussprechlich). Die drei Zweige werden ausgewiesen als »jouissance of being, phallic jouissance, other jouissance« (S. 126). Wurzeln dafür finden sich unter anderem in Lacans D’un discours qui ne serait pas du semblant, Sem XVIII: »La jouissance sexuelle se trouve ne pas pouvoir être écrite« (17. 3. 1971), »L’écrit, c’est la jouissance« (19. 5. 1971) und weiter im gesamten Œuvre Lacans. Theoretisch ist die Feststellung Braunsteins relevant, dass der Primärprozess als Übergang der Jouissance zum Diskurs fungiert. (S. 146)

         Der klinische Teil fußt auf der beeindruckenden Erfahrung des Autors. In diesem Kontext ist auch die Bezeichnung seiner Entschlüsselungen zu sehen: Jouissologie, (übersetzt: Jouissology). Er orientiert sich dabei an Jean Allouch, seinem Freund, und dessen explizitem Gebrauch von érotologie. In vier klinischen Kontextfeldern wird das Genießen entfaltet. Diese sind: Jouissance und die Hysterie, Perversion als Verleugnung der Jouissance, Sucht oder Abhängigkeit als Jouissance (Braunstein notiert @-Diction und führt zugleich eine Modifikation an Lacans objet a ein) und schließlich Jouissance im Spannungsfeld von Ethik in der psychoanalytischen Erfahrung. Über Obsession (Zwang) entschied Braunstein aus Gründen, die er hier offen lässt, nicht zu schreiben.

         Im Kontext von Hysterie erscheint eine interessante Metapher, welche auf die makroökonomische Sphäre verweist: »Transference of jouissance, the funds deposited in the bank of the unconscious, quantified capital, ciphered.« (S. 177) Jouissance als der Verschiebung unterworfenes, chiffriertes Kapital. Bereits der hysterische Diskurs ist an sich eine exzellente Schaltstelle zum ökonomischen Funktionieren. Dorthin übertragen, zeigt sich das Genießen auch als eine Form von Widerstand, der zugleich der eigentliche Motor der Analyse ist.

         Im perversen Diskurs dominiert »a will to jouissance« (S. 201). Für den Betroffenen existiert nur ein einziges Problem, nämlich die nötigen Mittel zu finden, in ihren Besitz zu gelangen. Der Perverse muss im Anderen Wissen generieren, dessen Komplizenschaft herstellen. Dazu muss er sich selbst einbringen und alles riskieren, sowohl sich zeigen als auch sich verbergen. Er muss mit einer Realität umgehen, die letztlich Schein ist. Muss das Phantasma funktionieren lassen, woran der Neurotiker scheitert (S. 201). Der Andere ist Ort eines Genießens, das dem Perversen unzugänglich bleibt, weil ihm ein Organ fehlt, das für ihn den Phallus vorstellt. (S. 208) Das sind spannende Ausführungen, die vor allem im Zusammenhang neue Einsichten hervorbringen. Doch soll hier einer detaillierten Diskussion nicht vorgegriffen werden.

         Die erwähnte »@-Diction of Jouissance« führt mitten hinein in das gesellschaftliche Feld. Wo im Spätkapitalismus der Andere gar nicht mehr fordert, ist es manchmal zerstörerischer, als täte er es. Durch Vernichten der Sprache wird die Kapitulation des parlêtre bewirkt. Wo die Stellen eines Gottes, Königs, Herrschers, Staats, einer Partei oder des Vaters leer bleiben, ertönt ein »Mach, was Du willst, ich will davon nichts hören oder wissen«. Für Viele ist das Problem der postmodernen Gegenwart, dass Worte gesprochen werden können, deren Wirkung ausbleibt. »For many, the problem of the postmodern present is words that can be said, but lack effect. Subjects are counted but do not count; they are numbers to be used in statistics: their presence reduced to saying ›yes‹ or ›no‹ to questions in a survey. Politics becomes poll(itics).« (S. 230)

         »Jouissance and Ethics in Psychoanalytic Experience« – Kapitel 8 – ist eine Passage, die niemand missen sollte. Hier finden sich Konsequenzen, die Braunstein aufgrund seiner konsistenten Durcharbeitung der Zusammenhänge nachdrücklich formulieren kann. Dazu zählt beispielsweise die Feststellung: »Psychoanalytic experience moves completely within the subject’s relation to jouissance.« (S. 235) Dieser Anspruch ist bisher kaum derart konsequent formuliert worden. Der in diesem Kapitel ausgeführte, nur schwer zu akzeptierende Bezug zu unvermeidlichem Leiden wurde eingangs erwähnt. Um dem Begehren dennoch zu seinem Recht zu verhelfen, schließt sich Braunstein einer Forderung Gérard Pommiers von 1987 an: »A subject must distinguish himself from the (superegoic) determinisms that awaited him even before birth.« (S. 270) Braunstein führt das Statement bezeichnend weiter: »He cannot live as a desiring subject if he does not distance himself from the desire of the Other and assume lack.« (S. 270) Prägnant ist auch seine Feststellung: »So-called neurosis, an ethical unease and not a disease to be categorized or medically treated, is impotence or renunciation to ›play the hand‹ in coming to be.« (S. 248) Ohne die oben erwähnte Dimension der »jouissance of being« wäre solch Existenzielles nicht formulierbar.

         Eine der schönsten Passagen bewahrt Nestor Braunstein bis zum Schluss auf. Vielsagend heißt dieser Abschnitt: »On Love in Psychoanalysis« (S. 269). Hier wird abschließend das Verhältnis von Begehren und Genießen neu justiert. Dies geschieht in der spanischen Ausgabe von 2006, El Goce: Un concepto lacaniano, vor dem Hintergrund von »el amor«. Es sei Liebe, die Liebe, welche die Opposition auflöst, und sie täte dies am Ende der Analyse. Es ist nötig, hier zunächst in den spanischen Text zu schauen. Die entsprechende Szene wird so beschrieben: »(…) sólo el, el amor puede hacer que desce condascienda el goce.« Der ganze Satz lautet in der englischen Übersetzung:

 

Yes, the end of analysis has to do with pure love, without object, absolute, without limits, without illusions of harmony or plenitude, at the margins of the law, starting from desire, where love and only love can make desire condescend to jouissance. (S. 274)

 

 »Condescender« und »to condescend« sind mehrdeutige Verben. Ob das Begehren also dem Genießen nachgibt, ihm entgegenkommt, in es einwilligt, zu ihm herabsteigt – man wird bis zum Ende gehen müssen, um es zu erfahren.

         Interessant, dass Lacan die Richtung der Liebesvermittlung ehedem andersherum fixiert hatte: »[...] seul l’amour permet à la jouissance de condescendre au désir« (L’Angoisse, Sem X, 13. 3. 1963). Es gibt einiges zu diskutieren, gesteht man der Jouissance die dominierende Rolle in der psychoanalytischen Erfahrung zu, wie Braunstein dies tut.

         Abschließend sei angemerkt, dass sich gleich zu Beginn des Textes eine wichtige Abgrenzung zwischen Lacans Verständnis von Dialektik und der Hegels findet. Bei Ersterem gäbe es nämlich keine abschließende Synthesis durch die List der Vernunft. Die Jouissance sei daher dialektisch in Lacans Verständnis. Insbesondere bei Hegel, beispielsweise in der Phänomenologie des Geistes (1807), gibt es eine Odyssee von Genießen und Genuss. Vor diesem Hintergrund habe ich mir erlaubt, Braunsteins Übersetzungsvorschlag von Jouissance in das Substantiv »der Genuss« (S. 14) in: »das Genießen« abzuwandeln. Vor allem auch das deutsche Verb »genießen« bietet alle nötigen Voraussetzungen, Lacans und Braunsteins Konzepte angemessen wiederzugeben.

         Abzuwarten bleibt also, wann eine deutsche Übersetzung des brillanten Texts in Angriff genommen wird. Bis dahin können Englisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch erläutern, wie Genießen jenseits von Lust zu verstehen ist.

 

 

 

 

 

[1] https://www.risszeitschriftfuerpsychoanalyse.org/