Langnickel, Robert: Prolegomena zur Pädagogik des gespaltenen Subjekts. Ein notwendiger RISS in der Sonderpädagogik, Leverkusen 2021,
Barbara Budrich Verlag,

rezensiert von Jean-Marie Weber,

in: RISS – Zeitschrift für Psychoanalyse (2022)[1]

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Ob Robert Langnickel bei der Formulierung seines Titels an Kants Prolegomena zu einer zukünftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können (1783) gedacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Mit seiner Dissertation reflektiert er, inwiefern die strukturale Psychoanalyse einen »Riss« und damit wohl eine »Zeitenwende« in der (Sonder-)Pädagogik zum Unbewussten hin promoviert. Ähnlich wie bei der in die Krise geratenen Metaphysik durchzieht die publikationsbasierte Dissertation wie ein roter Faden die Frage nach dem Platz der Psychoanalyse im pädagogischen Kontext: Ist die Psychoanalyse als Heuristik mit ihrem speziellen Setting der Kur im pädagogischen Feld umsetzbar und welches sind die Bedingungen für ein solches Unterfangen?

 

                  Förderung des Menschen als gespaltenes Subjekt

 

Für Lacan gilt der Mensch als gespaltenes Subjekt zwischen dem Unbewussten und Bewussten, zwischen Wissen und »nicht gewusstem« Wissen, Sinn und Leere, zwischen dem absichtlichen Sprechen des »Ichs« und dem Unbewussten als dem Diskurs des Anderen, zwischen Trieb und Begehren, Eros und Thanatos. Dieser anthropologischen Tatsache muss die pädagogische Praxis wie auch die Theorie Rechnung tragen. Das heißt vor allem, offen sein für das Subjekt, das immer noch ankommt. Pädagogik hat somit nicht mehr nur das Ziel, den Zögling zu normieren und ihn zum Bürger zu erziehen, sondern seit Rousseaus Émile auch, ihn anzuleiten autonom zu werden und sich als begehrendes Wesen zu konstituieren.

         Inwiefern kann Psychoanalyse dabei unterstützend wirken? Der Autor zeigt anhand unterschiedlicher Konzepte der strukturalen Psychoanalyse, dass sie für die Pädagogik von Bedeutung und für den sonderpädagogischen Bereich übersetzbar sind. Dies gilt neben dem Theorem des gespaltenen Subjektes u.a. für die Triade des Realen, Symbolischen und Imaginären, aber auch für die Übertragung, das Phantasma, die Affekte Liebe und Hass, die Problematik der Dyade und die Notwendigkeit des Triangulierens oder die Bedeutung des Spiels.

         Schon Freud hat sich mit der Frage nach der Relevanz von Psychoanalyse für die Pädagogik beschäftigt, da die Erziehung einen verhängnisvollen Einfluss auf das psychische Leben der Heranwachsenden haben kann. Auch politisch-strategische Gründe oder Freuds Gegenübertragung auf seine Tochter Anna spielten hier eine Rolle. Dabei ging es ihm immer darum, zwischen dem Platz des Erziehers und des Psychoanalytikers zu unterscheiden, damit es zu keiner Konfusion zwischen den unterschiedlichen Perspektiven kommt. Dem Pädagogen geht es darum, Wissen und Werte zu vermitteln bzw. die Zöglinge mit ihren unterschiedlichen »Bedürfnissen« den schulischen und sozialen Anforderungen soweit wie möglich anzupassen, damit sie dem »Realitätsprinzip« entsprechend handeln und ihr singuläres Lebensprojekt entwickeln können. Dem Psychoanalytiker aber geht es darum, das Subjekt dort zu suchen, wo es vor dem anderen und sich selbst flüchtet, sei es durch Verdrängung oder Verwerfung, wie u.a. Maud Mannoni in L’enfant, sa maladie et les autres (1967) schreibt. Ziel ist, dass das Unbewusste denkt, d.h. arbeitet.

         Eine Kooperation zwischen der Psychoanalyse und der Pädagogik sieht Langnickel in der von Maud Mannoni gegründeten Institution von Bonneuil wie auch in der von Françoise Dolto gegründete Maison Verte. Es sind »temporäre Durchgangsorte«, wobei das Spezifische dieser Institutionen darin liegt, dass die psychoanalytische Sicht von der Institution gewünscht ist und ihren Platz bekommt und insofern auch die spezifische Arbeit der ErzieherInnen beeinflussen kann. 

 

                  Ohnmachts- und Machtphantasien

 

Mit Recht weist der Autor darauf hin, dass sich die PädagogInnen, aufgrund von Übertragungsprozessen, denen sie unterworfen sind, ihrer Ohnmachts- und Machtfantasien, ihrem Genießen bewusst werden sollen. Sie sollen einen dritten Ort finden, wo sie diese symbolisch verarbeiten können. Dies ist eine fundamentale Voraussetzung für eine offene Begegnung mit den SchülerInnen, das heißt ein Hören, das nicht narzisstisch auf sich selbst konzentriert ist und nur das hört, was das Gegenüber erwartet. Solche Offenheit für die Mehrdeutigkeit des Gesprochenen ermöglicht, ohne unbedingt zu interpretieren, dass die Heranwachsenden der Spur ihres Begehrens nachforschen können. In diesem Zusammenhang sieht auch Catherine Millot in Freud anti-pédagogue (1979) einen möglichen Einfluss der Psychoanalyse auf die PädagogInnen, insofern sie ihnen helfen kann, eine professionelle Ethik zu entwickeln, die Ohnmacht in Unmöglichkeit verwandelt, pädagogische Ideale entmystifiziert und durch die Liebe zur singulären Wahrheit ersetzt.

 

         Mentalisierung als Rettungsanker für die psychoanalytische Pädagogik?

 

Das »Mentalisieren« hat als Ziel, Interaktionen zu verstehen, sogar vorherzusagen und Affekte zu modellieren. Das reflektierende Ich soll gestärkt werden. Dies ist sicherlich ein nicht zu verwerfender pädagogischer und therapeutischer Ansatz. In verschiedenen Modellen werden dazu Skalen der Mentalisierungskompetenz entwickelt. Allerdings stellt sich dann die Frage nach der Konzeption des Unbewussten und inwiefern ein solcher Ansatz mit einer strukturalen Psychoanalyse vereinbar ist. Letzterer geht es ja letzten Endes um die Aufarbeitung und Rekonfiguration des fundamentalen Phantasmas. Gerade hier zeigt sich für mich, wie der Autor aufgrund der Krise der Psychoanalyse (im pädagogischen Feld) nach einem Ausweg sucht. So sollte die Mentalisierungstheorie wie u.a. auch die Neuro-Psychoanalyse der Psychoanalyse helfen, anschlussfähiger an den akademischen Diskurs zu werden. Und weiter: »Eine Ausbildung in mentalisierungsbasierter Pädagogik wäre gerade nicht an diese hohen Anforderungen einer Lehranalyse gebunden und könnte somit niederschwellig eine breite Personengruppe erreichen und Vorverständnis für die psychoanalytische Pädagogik durch Selbsterfahrungselemente einer begleitenden Supervision legen.« (S. 115)    

 

                  (Sonder-)Pädagogik als Feld der Begegnung

 

Es ist erstaunlich, wie fruchtbar die strukturale Psychoanalyse für die Philosophie und die Philosophie für die Psychoanalyse war. Sie begegneten sich, ohne dass es zu Fusionen und Konfusionen kam. Sollte dies nicht auch ein Modell für die Beziehung zwischen Psychoanalyse und Pädagogik sein? Beide lernen vom anderen, sich ihrer Unvollständigkeit, ihrer immanenten Unmöglichkeit zu stellen.

         In bestimmten Situationen zeigt der Erzieher den Heranwachsenden, was er von ihnen erwartet und wie er sie auf der Ebene der Wissensobjekte oder der Sozialisationsziele unterstützen kann. Falls angebracht, kann er Einzelne aber ermutigen, an einem anderen Ort, d.h. dem analytischen Setting der Kur, ihr Unbewusstes »frei« denken zu lassen und an ihrer Triebkonfiguration zu arbeiten, um als Subjekt neu anzukommen. So kommt es zu einem Miteinander ohne Vermischung.

         Zur Konfusion kommt es auch nicht, wenn die Lehrenden im Sinne des »quoi de neuf« der Pédagogie Institutionelle agieren, die Gruppe sich dem »Gesetz des Sprechens« unterwirft oder wenn PädagogInnen etwa im Sinne der Work Discussions Situationen analysieren und Übertragungsprozesse bewusst machen.

         Robert Langnickel hat mit dieser Arbeit die wichtigen Herausforderungen und Diskussionen um die Beziehung zwischen Pädagogik und Psychoanalyse aufgezeigt und sich dabei mit namhaften französischen VertreterInnen dieser Bereiche auseinandergesetzt. Er hat Möglichkeiten eruiert, wie ErzieherInnen von der Psychoanalyse profitieren können, um mehr zu sehen als ein störendes Verhalten und mehr zu hören als Eindeutigkeiten. Pädagogische Settings können Übertragungen bewusst machen, aber eine Analyse von Übertragungsprozessen kann so nicht stattfinden. Der Psychoanalytiker darf nie ein Erzieher sein, sagt Lacan. Und die ErzieherInnen stehen sich selbst und dem Jugendlichen im Weg, wenn sie konsequent die Arbeit des Unbewussten und die Rekonfiguration der Triebökonomie visieren. Wegen solcher Missverständnisse und um Illusionen vorzubeugen, scheint es mir wichtig, den Begriff der psychoanalytischen Pädagogik fallenzulassen und die Energie in einen konsequenten Dialog zwischen Pädagogik und Psychoanalyse zu investieren. Dafür wünsche ich Robert Langnickel, der für seine Arbeit mit dem Siegfried-Bernfeld-Preis ausgezeichnet wurde, viel Erfolg! 

 

 

 

[1] https://www.risszeitschriftfuerpsychoanalyse.org/