Scharf, Simon: Krise – Subjekt – Literarische Form.
Dissonanz erzählen im Werk von Terézia Mora, Reinhard Jirgl und Peter Wawerzinek, Berlin 2021, Frank & Timme,

rezensiert von Martin A. Hainz,

in: RISS – Zeitschrift für Psychoanalyse[1]

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Identität ist ein fragiles und zugleich gefährliches Konstrukt, eines, das man vielleicht reklamiert, eines, dem man – und sei’s subjektiv – zu genügen habe, eines, zu dem man sich, wer oder was das auch sei, mitunter geradezu genötigt verhalte. Ferner konstituiert Identität Politik, das angeblich Gemeinsame; die Spät- oder Postmoderne wisse Scharf zufolge um das Problematische an alledem; und sie misstraut alledem, ohne aber die »Sehnsucht nach einer gemeinsamen und verbindlichen (Lebens‑)Ordnung« (S. 17) zu bagatellisieren, wie Scharf zu zeigen sucht. Identität sei also das, was die Auseinandersetzung anstrebt, worin ihr beschieden wird, dass oder ob und auch was sie sei.

         Werke von Terézia Mora, Reinhard Jirgl und Peter Wawerzinek entwickeln diese Konstellationen, wie Scharf in seinem Buch zeigt, das zwar literaturwissenschaftlich ist, aber die Literatur dabei als ein Erzählen – ein performatives Sich-Erzählen – soziologisch wie psychologisch und psychoanalytisch untersucht. Literatur ist dann das, worin die lebensweltliche Beliebigkeit gezeigt und die Lebenswelt mitunter auch (neu) geordnet wird. Dabei arbeiten sich das Subjekt und damit verbundener Anspruch am Realen ab. (S. 37–39)

         In die psychosozialen Prozesse, die so entstehen, die aber auch antreiben, was so entsteht, taucht Scharf zunächst mit Mora ein: in ihre Odyssee bzw. Orientierungslosigkeit, die immerhin keinen heteronomen Ansprüchen ausgesetzt ist. Die Bewegung wird zur Hoffnung, vielleicht auch zum Ziel. Statt eines Orts wird diese Bewegung Heimat – ebenso wie das Selbst in der analytischen Arbeit besteht, ein Selbst in einem zuträglichen Sinne zu werden. Interessant ist dabei, wie die Probleme der Begriffe dessen, was auch jenseits der Lokalität Heimat oder Norm wäre, verhandelt werden: Die Trennung vom Datenstrom gerate zur Isolation. (S. 140) Diese ist aber auch eine Chance auf »Stille und Maß« (S. 141). Möglicherweise ist die Trennung aber schon zuvor gegeben und, wo sie als vollzogene daherkommt, Kitsch.

         Die gelegte Spur verfolgt Scharf an Jirgl weiter, der das Ökonomische und Politische noch stärker akzentuiert, die Stadt als modernstes Bio- und Soziotop ist hier gerade kein »Lebensraum« (S. 278) mehr, sondern ein »Sprach-Skelett« (ebd.), worin der Austausch fehlt. Identität bildet sich hier nicht als Prozess, woran das Selbst und andere beteiligt werden, sie wird allenfalls zugewiesen, und zwar als Funktionalisierung. Die Naturräume bleiben dann die Möglichkeitsräume, wobei auch Natur eine Funktionalisierung sein könnte. Die globalisierte Stadt Jirgls weist Natur als etwas, das seinen Begriff – wieder: vor allem auch sprachlich – herausforderte, kaum auf … Noch im Zwischenmenschlichen herrschen konsumistische Verhaltensweisen vor, in denen beispielsweise Nymphomanie und die als finanzielle Transaktion verstandene Ehe quasi miteinander harmonieren. (S. 339)

         Peter Wawerzineks Werk ist das dritte, woran Scharf zeigt, wie die »situativ und projekthaft gewordene Identität« (S. 397) heute aussehen mag. Der Verlust der Mutter ist hier der Beginn einer Identität, die sich diasituativ realisiert, ohne Kontinuität und Selbstversicherung jenseits der Zuschreibung. Es gibt hier also einen »irreparablen Bestandteil der Identität« (S. 402), Identität nahezu ausschließlich als Passion oder Last. Selbst- und Sprachaneignung oder deren Zusammenhang bleiben auch bei diesem Autor – oder genauer: dem, was er analysiert – aus.

         Ordnung? – Denkbar, und zwar als geglückte, ist oder wäre sie nur jenseits dessen, im Durchgang, in der Entwicklung dieser Dissonanzen, wobei Denkbarkeit keine Sicherheiten impliziert. Immerhin, so legt Scharf nahe, gebe es expressis verbis Irreparables. Man könnte, während sich die Beobachtungen, die Scharf zusammenträgt und bilanziert, meist kaum bezweifeln lassen, die anschließende Hoffnung, dass »Literatur […] gesellschaftlich-identitätsstiftend werden kann«, wie Scharf vermutet, »und ob sie das werden soll, […] getrost dahingestellt lassen« (S. 10), wie Hartmut Rosa im Vorwort des Bands schreibt. Insgesamt ein spannender Beitrag zu dem, was Menschen umtreibt – vielleicht in die Praxen von Psychoanalytiker*innen.

 

[1] https://www.risszeitschriftfuerpsychoanalyse.org/