Žižek, Slavoj: Das erhabene Objekt der Ideologie.
Übers. aus dem Englischen: Aaron Zielinski, Wien 2021, Passagen,

rezensiert von Simon Scharf,

in: RISS – Zeitschrift für Psychoanlayse (2022)[1]

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Das erhabene Objekt der Ideologie von Slavoj Žižek ist kein neuer Text (erschienen 1989 bei Verso), aber in seiner Fokussierung auf den Begriff der Ideologie in diesen sicher nicht post-ideologischen Zeiten erschreckend aktuell. Bei aller Gegenwärtigkeit zielt er vorrangig auf ein neues Verständnis des Ideologischen auf der Grundlage einer engen Verzahnung von lacanianischer Psychoanalyse und hegelianischer Dialektik, um erstere philosophisch zu rehabilitieren und das Subjektive der Psychoanalyse mit objektiven Momenten der Ideologiebildung kritisch zusammenzuführen.

         Žižek koppelt sein Ideologie-Verständnis auf überaus instruktive Weise zurück an psychoanalytische Grundannahmen zum Subjekt: Der Mensch ist in seiner Triebstruktur ein zutiefst antagonistisches, ja widersprüchliches und konfliktbehaftetes Wesen. Weil jeder Versuch der Abschaffung und Überwindung dieses triebbedingten Widerspruchs (als »interne Bedingung jeglicher Identität«, S. 34) ins Totalitäre kippt, bleibt dem Einzelnen nichts anderes übrig, als einen modus vivendi zu finden, um den Konflikt als Motor der Lebensführung anzuerkennen. Darüber hinaus ist das Subjekt mit der Tendenz zur Wiederholung konfrontiert; eingespielte Muster triebhaften Verhaltens kehren so immer wieder – als »weiße Flecken« des Nicht-Symbolisierten, des Nicht-Versprachlichten, sind sie im Sinne Lacans als das »Reale« definiert, als Leerstelle und traumatisches Ereignis, das sich der Symbolisierung (die im Wesentlichen durch die Sprache geleistet wird) entzieht. Auf dieser Grundlage erscheint das Subjekt als Mangel und Leerstelle, als Frage und »Platzhalter«. Eng an Vorstellungen Lacans angelehnt, wird es zum Subjekt der Negativität, das sich im Prozess der Subjektivierung erst den positiven Raum der Selbstformung erschließt und gangbar macht. Es ist sich immer ein Anderes und fremde Substanz und kann erst in der Auseinandersetzung mit den eigenen blinden Flecken zum Ich werden.

         Die Ideologie nun ist ihrem Kern nach eigentlich analog zu sehen zum Subjekt vor aller Subjektivierung, vor aller Bewusstwerdung der eigenen Konflikthaftigkeit – das scheint gewissermaßen der spannende Punkt der Verknüpfung beider Ebenen zu sein: Žižek beschreibt das Ideologische als Illusion, als Form des Nicht-Wissens, der Naivität und Selbstbezüglichkeit. Im Rekurs auf eine Ideologie (im Text ist vorrangig der Warentausch als Fetisch gemeint) wird das Wesen von etwas verschleiert, die Voraussetzungen und tatsächlichen Bedingungen verkannt, sodass es eine Diskrepanz zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und illusionärer Repräsentation gibt. Das, was hier allerdings als Dualismus anklingt, ist im Sinne Hegels immer dialektisch zu denken: Žižeks Text trennt nicht zwischen Illusion (Ideologie) und Realität (gesellschaftlicher Wirklichkeit), sondern setzt eine Durchdringung beider Sphären voraus; die Illusion erscheint als Gefahr der Verkennung der gesellschaftlichen Realität und ist zugleich ihre Kompensationsmöglichkeit – eine Spannung, der man sich stellen muss. In diesem Sinne gibt es keinen Fluchtpunkt »jenseits der Ideologie«, das Ideologische ist integraler Bestandteil unserer Wahrnehmung von gesellschaftlicher Wirklichkeit und wird als solches auch bewusst oder unbewusst akzeptiert, erwünscht, erhofft – als Phantasma des Genießens.

         Wie ist mit diesem Faktum des Ideologischen umzugehen? Žižek entwirft eine ideologiekritische Praxis, die bestechenderweise der subjektiven Ebene der Analyse folgt: Im Stile einer diskursiven Dekonstruktion muss es darum gehen, offenzulegen, wie sich bestimmte gesellschaftliche Vorstellungen gebildet, konstituiert und weiterentwickelt haben. Im Modus der Selbstkritik muss dabei auch das eigene »Verkennen« analysiert und gezeigt werden, inwieweit die Ideologie als geschlossene Form der Weltwahrnehmung bislang ohne ein kritisches Außen wirken konnte, sie letztlich aber immer »Ausdruck/Effekt eines verborgenen Mechanismus« (S. 299) ist. Genauso also wie sich das Subjekt in der Analyse an den eigenen Widersprüchen, dem Unhinterfragten und den sich wiederholenden Verhaltensweisen abarbeitet und einen modus vivendi etablieren kann, der das eigene Gewordensein rekonstruiert, formuliert Žižek Möglichkeiten für eine Gesellschaft, sich den eigenen Phantasmen und Illusionen zu stellen und sie aufzuarbeiten.

         Was in dieser Rezension wie eine klar ersichtliche (und zuweilen vielleicht arg schematisch anmutende) Argumentationsstruktur des Textes aussieht, zeigt sich in Žižeks Buch als hervorragend komponierte, assoziativ verschachtelte und detail- und anspielungsreiche Form eines enorm stilbewussten Denkers, der den Gegenstand auf eine Weise durchdringt, die ein hohes Maß an Lesbarkeit und Anspruch offenlegt. Dass dabei ein hochinteressanter Brückenschlag zwischen Hegels Philosophie und Lacans Psychoanalyse gelingt und obendrein noch das politisch-ideologiekritische Potenzial der Psychoanalyse ausgelotet wird, ist nicht hoch genug einzuordnen und rechtfertigt in besonderem Maße das Zugänglichmachen dieses möglicherweise sogar zeitlosen Textes.

 

[1] https://www.risszeitschriftfuerpsychoanalyse.org/